Was müsste passieren, damit du freiwillig aufhörst zu cheaten? „Wenn alle aufhören damit“, sagt einer der befragten Spieler. „Wenn jeder wirklich nur einen Account hätte wie ganz früher.“ Ein anderer sagt, ihm seien die Regeln „erstmal egal“. Eine Sperre sei ein bekanntes Risiko: „Sollte man mich erwischen, dann ist das halt so.“ Strafen treffen den nachgewiesenen Regelbruch, beseitigen aber nicht die Anreize und Mechanismen, durch die Spieler diesen Weg einschlagen. Wer Cheaten eindämmen will, muss deshalb auch fragen, warum User das Risiko überhaupt eingehen und wann es sich für sie nicht mehr lohnt.
Nicht jeder Multi ist ein Cheat
Mehrere angemeldete Accounts auf einem Server sind erlaubt. Verboten sind direkte Interaktionen, Umgehungen über Dritte sowie unerlaubte Automatisierungen. Problematisch wird es, wenn zusätzliche Konten beispielsweise als Rohstofflieferanten oder KP-Farmen dienen. Andere Konstruktionen verbinden erlaubte Funktionen über mehrere Spieler zu einem kaum vorgesehenen Vorteil. Die Zahl der Accounts allein sagt deshalb wenig aus. Entscheidend ist, was zwischen ihnen geschieht und wer profitiert. Gesperrt werden meist alle Konten, die sich einem Spieler etwa über dieselbe IP zuordnen lassen. Über VPN geführte Accounts können jedoch unangetastet bleiben.
Abkürzung
Die Befragten nennen automatisierte Piraterie, nicht angemeldete Accounts, Rohstofftransfers und vorbereitete Plünderziele als ihre Praktiken. Einer glaubt, ohne ständige Aktivität oder Ambrosia nicht gegen fremde Automatisierung bestehen zu können; zudem dauere ihm der Ausbau zu lange. Ein anderer wollte nach einer Spielpause verlorene Jahre aufholen. Cheaten überspringt für beide die Arbeit und führt schneller zu dem für sie interessanten Teil des Spiels. Eine Rechtfertigung sieht Spieler 2 darin trotzdem nicht. Auf die entsprechende Frage antwortet er schlicht: „Kann man nicht.“
Darin steckt eine unbequeme Erkenntnis: Ein Teil des Cheatens beginnt mit dem Wunsch, langwierige Spielabschnitte abzukürzen. Eine Sperre sanktioniert diesen Weg, macht den regulären Ausbau aber nicht attraktiver. Kürzere Bauzeiten für unterentwickelte Accounts und weniger monotone Klickarbeit könnten den Anreiz jedoch mindern.
Wenn Cheaten vernünftig erscheint
„Ich brauche den Vorteil, weil die anderen ihn auch haben.“ Dieser Gedanke zieht sich durch die Gespräche. Wie viele erfolgreiche Spieler tatsächlich cheaten, lässt sich nicht sagen. Wer die Spitze aber nur mit Multis, Bots oder Automatisierungen für erreichbar hält, empfindet regelkonformes Spielen als freiwilligen Nachteil. Eine Untersuchung von 2023 mit 322 Gamern passt zu diesem Muster: Wer stärker auf Sieg, Status oder Belohnungen zielte, bewertete Cheaten positiver; wer vor allem aus Freude spielte, ablehnender. Aus dem Platzhalteraccount wird so schnell ein Netz aus Kaperbots und Skripten.
Vor einer späteren Änderung am Schwarzmarkt wurde öffentlich über eine Wartezeit zwischen Urlaubsmodus und Truppenhandel diskutiert. „Dann teile ich die halt auf mehrere Accounts auf”, meinte ein Spieler. Sein Gegenüber hielt dagegen: Mehr Accounts und Umwege bedeuten mehr Pflege und Fehlerquellen. Der Trick bliebe möglich, würde aber teurer. Eine Maßnahme muss nicht jeden Umweg verhindern. Wenn Automatisierung weniger Ertrag bringt und Accountnetze mehr Aufwand verursachen, kann sie Cheaten schon vor einer möglichen Sperre unattraktiver machen.
In der Piraterie wären abnehmende Erträge durch weniger Punkte für wiederholt gekaperte Kleinstaccounts denkbar. Solche Grenzen träfen allerdings auch ehrliche Piraten. Flachere Belohnungen könnten den Druck zum Wettrüsten senken, nähmen dem Wettbewerb aber einen Teil seines Reizes. Die offene Frage lautet daher, welchen Wettbewerb die Piraterie überhaupt bieten soll.

Spiel hinter dem Spiel
Bei einem der Befragten liegt die Motivation anders. Schon früher habe er Wunder, Reduzierer und Rohstoffproduktion möglichst geschickt kombiniert. Als die Möglichkeiten eines Accounts ausgeschöpft gewesen seien, habe er „diese Begrenzung aufgehoben.” Multis und Skripte sind für ihn seither nicht bloß Mittel zum Zweck. Er schreibt Automatisierungen, testet Abläufe und stellt sich auf andere Multi-Spieler ein. Nicht Rang oder Gegner treiben ihn an, sondern die Frage, was technisch und organisatorisch noch möglich ist.
Psychologen sprechen von intrinsischer Motivation, wenn eine Tätigkeit um ihrer selbst willen Freude bereitet. Genau das beschreibt hier nicht das normale Spielen, sondern das Entwickeln, Testen und Anpassen der Regelverstöße. Andere lernen Handeln oder das Kampfsystem; er lernt Accountnetze und Automatisierung. Der Vorsprung ist dabei eher Ergebnis als alleiniger Antrieb. Cheaten ist nicht länger die Abkürzung zum Spiel. Es ist selbst das Spiel.
Dieser Spielertyp lässt sich nicht durch kürzere Bauzeiten zurückholen. Sein Anreiz liegt im Umgehen der Begrenzungen. Eine Sperre unterbricht den Zugriff auf die betroffenen Accounts, beendet aber nicht zwingend das Cheaten. Freigegebene Werkzeuge oder bessere Planungsfunktionen könnten technische Neugier in erlaubte Bahnen lenken. Einen überzeugten Cheater bekehrt das kaum, bietet ihm aber eine Beschäftigung innerhalb der Regeln.
Regeln, die niemand versteht
Die Befragten setzen unterschiedliche Grenzen. Einige unterscheiden zwischen Aufholen und Dominieren, ein Spieler lehnt diesen Maßstab ab. Jeder könne lernen, mit Multis und Skripten umzugehen; unfairer sei womöglich der massive Einsatz von Ambrosia, weil nicht jeder das nötige Geld habe. Die einen kaufen sich ihre Abkürzung, die anderen investieren Zeit. Der Vergleich unterschlägt jedoch einen entscheidenden Unterschied: Ambrosia gehört zu den veröffentlichten Bedingungen des Spiels, Bots und nicht angemeldete Accountnetze nicht.
Bei der Abgrenzung hilft das Regelwerk allerdings nur begrenzt, denn es ist knapp und offen formuliert. Was als indirekte Interaktion, Umgehung oder unzulässiger Vorteil gilt, lässt sich oft nicht eindeutig auf Spielsituationen übertragen. Auch das Verhältnis von AGB, Spielregeln und intransparenten Supportaus-künften bleibt schwer nachvollziehbar. Die unklare Auslegung ist kein bloßer Vorwand einzelner Cheater, sondern ein Problem, das Abschreckung erschwert und Unsicherheit bei Spielern erzeugt.
Unklare Regeln machen Regelverstöße nicht erlaubt. Sie erleichtern aber die Behauptung, jede Auslegung sei beliebig. Gameforge könnte mit Fallbeispielen erklären, welche Rohstoffweitergaben erlaubt sind, wann Handel über Dritte zur Umgehung wird und welche Folgen Verstöße haben. Ein verständlicher Sanktionskatalog und anonymisierte Beispiele aus der Supportpraxis schließen nicht jedes Schlupfloch. Sie machen die Grenze aber sichtbarer und geben der Community eine einheitlichere Grundlage.
Machtlos im Browser?
Gameforge verweist seit Jahren auf die schwierige Beweislage. Im Juli 2026 erklärte das Ikariam-Team erneut, Verdachtsmomente allein reichten für Sanktionen nicht aus; vor einer Sperre brauche es klare Belege. Das schützt Spieler vor Strafen aufgrund bloßer Anschuldigungen, begrenzt aber die Reichweite von Sperren: Eine IP-Adresse beweist keine gemeinsame Person, VPNs erschweren die Zuordnung.
Am selben Tag kündigte das Team regelmäßige Kontrollen gegen Piraterie-Skripte an. Wer erwischt wird, verliert seine Piratenpunkte und wird bei Wiederholung länger gesperrt. Automatisierung lässt sich in diesem Bereich also erkennen. Auch Handel und Rohstoffbewegungen laufen über den Server. Eine Auffälligkeit beweist nichts, ein monatelang einseitig arbeitendes Netzwerk ist schwerer als Zufall zu erklären. Da Gameforge seine Prüfmethoden nicht veröffentlicht, bleibt offen, wo technische Grenzen liegen, Personal fehlt oder Kontrollen keine Priorität haben.
Nicht jede auffällige Bewegung darf automatisch bestraft werden. Prüfen ließen sich längerfristige Nettoflüsse: Wandern Rohstoffe oder Gold stets in dieselbe Richtung, profitieren Hauptaccounts fortlaufend von denselben Lieferanten und folgen passende Plünderungen oder Käufe? Auch Allianzen helfen Mitgliedern und organisieren Projekte. Ein Muster darf daher nur eine Prüfung auslösen. Bei nachgewiesenem Missbrauch sollte dagegen auch der erlangte Vorteil verschwinden. Die angekündigte Rücksetzung der Piratenpunkte zeigt, dass Gameforge dieses Prinzip bereits anwendet.
Was sollte sich ändern?
Aus den Gesprächen ergibt sich kein einzelner Hebel. Wer Piraterie-Bots eindämmt, verhindert noch keine Rohstofftransfers; wer Handelswege kontrolliert, beseitigt nicht den Frust über langsamen Fortschritt. Nötig sind klarere Regeln, Kontrollen langfristiger Verhaltensmuster, der Entzug nachweislich erlangter Vorteile und Änderungen an leicht automatisierbaren Systemen. Aufholmechaniken und legale Werkzeuge könnten einzelne Motive abschwächen.
Letztlich hat jeder Eingriff einen Preis. Doch auch Untätigkeit hat Folgen: Der Vorteil bleibt bei denen, die cheaten. „Mir sind die Regeln erstmal egal“, sagt einer der Spieler. Was wirklich zählt sind daher keine Sperren, sondern, ob Regelbrüche überhaupt Anreiz bieten.
